Die Geschichte der Sarden

Bücher, Geschichten, Bilder alles ist möglich. Auch ein gut erzählter Witz ist doch irgendwie Kultur (oder Kunst?)
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Con Piacere
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Die Geschichte der Sarden

Beitrag von Con Piacere » So 26. Mär 2017, 21:17

Wie Sardinien das wurde, was es jetzt ist oder warum so mancher nicht von Sardinien lassen kann.
Meine Quelle:
Ich wurde auf die Broschüre: "Die Geschichte der Sarden" aufmerksam und ich machte die 9 Euro locker. Dachte: das lese ich während meiner Reise auf der Insel und dann werde ich ein bisschen "schlauer" sein.
Erst einmal war ich nach dem ersten Durchblättern Überrascht. Laut dem Shop Veröffentlicht 2007. Gedruckt im Mai 2010 - aber da wird behauptet: Sardinien besteht jetzt aus 4 Provinzen - dies mit Grafik. Ich wusste aber - seit 2001 sind es 5 Provinzen. Was hatte ich da erworben?
Tja, der Prof. Francesco Cesare Casula hatte 1994 "La storia di Sardegna" (Die Geschichte Sardiniens) veröffentlicht. Dieses Werk wurde übersetzt in das Deutsche, ohne nun die Geschichte Sardiniens weiter zu schreiben bzw. das Ende aktualisieren zu lassen.
Fazit: der deutsche Käufer wird ein wenig mittels den Jahresangaben 2007 und 2010 unter weglassen der Angabe 1994 "veräppelt", denn dieses Buch hat den "Wissensstand" von 1994 und nicht von 2007.
Aber um zu verstehen, wer die Sarden sind, woher sie kamen, was Ihnen wichtig ist, dafür ist es gut. Schließlich wollte ich etwas über die sardische Vorgeschichte, das Altertum, das Mittelalter und Neuzeit (bis Ende II. Weltkrieg) erfahren.

Nun aber mal angefangen:
Schon vor mehr als 6000 Jahren vor Christus wurde die Insel immer mal von Menschen "besucht". Ja, Tourismus gab es schon immer. Diese Menschen kehrten dann Heim - oder reisten einfach weiter - so schnell wie heute ging das Reisen ja nicht. Zumindest hatte es sich aber herumgesprochen wie schön Sardinien ist und so siedelten sich Menschen ab etwa 6000 vor Christus auf Sardinien an. Sie kamen vom Italienischen Festland, von der Iberischen Halbinsel = Spanien/Balearen (waren aber noch keine Deutschen/Germanen dabei. Malle wurde ja erst viel, viel später Interessant :mrgreen: ) und aus Afrika. Später noch die Türken und die Griechen. Araber nicht vergessen.
So schreibt der Professor: "Aus diesem Grund kann man behaupten, dass es auf Sardinien niemals nur ein einziges Volk, sondern im Gegenteil zahlreiche verschiedene Volksstämme gab."
Ja und die mussten sich auch erst einmal zusammenwachsen (jetzt nicht an das Zitat von Willi Brandt denken ;) ). Das ging vermutlich meist mit handfesten Auseinandersetzungen daher. Aber Sie haben es geschafft, das zusammenwachsen. Hat aber auch mehrere Tausend Jahre gebraucht (könnte also zwischen Ost und West in „D“ noch dauern :roll: ). Beleg: ob nun im Norden - Osten - Süden - Westen, es entstanden Wohnanlagen, Festungen, "Nuraghe" (1500 v. Christus) genannt. Sie sind eigentlich immer gleichen Baumusters. Auch wurden die Menschen überall im Lande auf gleicher Weise bestattet. Sie entwickelten und lebten eine gemeinsame Kultur. Sie haben sich also nicht nur bezüglich des Austausches "Handfester Argumente" auf dem Felde getroffen, sondern auch zu anderen Dingen und der Austausch der Gene gehörte sicherlich dazu.
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Aufgenommen in Villamar Sommer 2008
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Die Menschen wussten aber: so etwas Schönes am Wasser/Strand zu bauen ist sinnlos, da schlecht vor Angreifern zu schützen. Also auf die Insel ankommen und ab in das Landesinnere (das ist ja nun heute etwas anders :lol: ). Sie wurden/waren also keine Fischer. Man bedenke, von der Su Nuraxi bei Barumini zu Fuß mal eben Fischen gehen - ohne Auto. Daher findet man auch die vielen Nuraghen (etwa 7000 sind heute bekannt) im Landesinnern und nicht in Strand nähe.
Der Handel war schon immer ein fester Bestandteil bei der Entwicklung des Miteinanders auf unserer Erde. Die Phönizier spielten in dieser Zeitepoche in der Champions League. Sie fanden die Küsten von Sardinien als ideale Zwischenstationen und bauten (mit Erlaubnis der Stammeshäuptlinge) ab 1000 v. Christus Handelsplätze/Städte auf. So Caralis, Nora, Bithia, Sulci, Tharros, Bosa, Torres und Olbia. Und natürlich trieben sie auch Handel mit den Sarden. Und da haben sich also bestimmt auch Männlein und Weiblein getroffen - also da gab es auch einen Austausch von Genen.
Aber die Phönizier waren nicht die ein zigsten. Karthager/Punier und natürlich die Römer, Wandalen, Byzantiner.

Alle wollten aber mehr als nur einen Handelsplatz. Und so wurde das ganze Sardinien letztendlich erobert. Ganz Sardinien? NEIN!
Eine kleine Ausnahme gab es da: das Gebirgsland Barbagia. Die Römer bauten sogar mehrere Limes drum herum um sich zu schützen. Kommt Euch das bekannt vor? Ja, natürlich! Da scheint doch René Goscinny die Geschichte von Asterix und Obelix mit dem Uneinnehmbaren Dorf, einfach von Sardinien an die Atlantikküste, nahe Ärmelkanal, "versetzt" zu haben.
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einfach schön
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Und ich möchte noch anmerken: nicht immer haben Soldaten Krieg gespielt, oder Wache geschoben. Wo Soldaten es gab, war natürlich auch eine "Nachhut" mit diversen Aufgaben. Es musste gekocht werden, Verwundete gepflegt werden, usw. Also beide Geschlechter waren da vertreten und so ein Soldat hatte auch mal Ausgang, brauchte Ablenkung, wollte sich in anderen Dingen beweisen, Spaß haben, glücklich in der Zweisamkeit sein. Also da gab es auch einen Austausch zwischen den Genen ----------------- ganz bestimmt.

Und die Römischen Soldaten waren nicht alle in Rom geboren. Sie wurden ja Rekrutiert aus ganz Europa - also fast.

Wenn man, wie die Sarden über Jahrhunderte, auf doch begrenzten Raum mit Menschen zusammenlebt, die eine andere Sprache sprechen und auch eine andere Kultur leben, so ist es förderlich deren Sprache zu lernen und auch die Kultur anzunehmen. Zumal die anderen in der Überzahl sind. Eine gemeinsame Sprache bedeutet eine wesentlich verbesserte Verständigung, weniger Streitpotenzial. Auch bei den Kulturen war es besser die Römische Kultur nicht von vornherein absolut abzulehnen, sondern sich zu arrangieren. Zumal es ja auch Schnittpunkte in den Kulturen gab - z.B. die Astrologie (Sternenkunde). Kurzum, um so viel wie möglich an Eigenständigkeit zu erhalten, gaben die Sarden das auf, auf das sie verzichten konnten. Das bewerte ich als schlau gemacht und es war sicherlich nicht einfach umzusetzen.

Die Byzantiner teilten dann Sardinien in 4 Bezirke auf. Ein Judex mit Sitz in Caralis (Cagliari) verwaltete das Ganze.
Nun kamen die Araber und versuchten Sardinien zu erobern. Um das zu verhindern erhielten die 4 Statthalter von Calari, Torres, Gallura und Arborea die politische und Militärische Macht. Das wurde um 900 nach Christus ausgenutzt. Sie erklärten sich Unabhängig und nannten sich jetzt selbst König.
Dabei blieb aber der Einfluss der Urkunftsregionen doch erhalten. Zum Beispiel Alghero hat bis heute seinen spanischen Touch erhalten. Hat dies etwas mit den Genen zu tun?
Diese Königreiche hatten von Anfang an die Demokratie eingeführt. So schreibt der Übersetzer vom Professor:

"Entscheidungen traf nicht der König, sondern die in einem Parlament Corona de Logu genannt versammelten Volksvertreter".

Man suchte sich verbündete. Vor allem Pisa übte großen Einfluss aus. Und natürlich die Katholische Kirche = der Papst. Und immer wieder Krieg.

1324 war es dann soweit. Jakob II. von Aragon und die Könige von Arborea gewannen gegen Pisa (auf Sardinien) und gründeten den Staat "Königreich Sardinien und Korsika". Das Haus Aragon eroberte 1409 durch einen Sieg bei Sanluri die Sarden und so hieß nun Sardinien "Königreich von Arborea". 1479 hat Spanien das ganze übernommen (ohne Korsika) und so kamen die 4 Mohren in das Staatswappen.
Gerundet 400 Jahre waren die Spanier "in". So ist in der Broschüre zu lesen:

" Zahlreiche spanischen Traditionen, Bräuche, sprachlichen Ausdrucksweisen und Lebensgewohnheiten wurden aufgenommen, die noch heute im Trachtenumzug von Sant'Efisio in Cagliari (am 1. Mai) der Cavalcata (einem Reiterspektakel am vorletzten Sonntag im Mai) in Sassari und dem Redentore-Umzug in Nuoro (am 29.August) ihren Ausdruck finden".

Nun spielten die Gene zwischen Philipp von Bourbon und dem Erzherzog Karl von Österreich verrückt. Man nennt das „Erbfolgekrieg“. Das war 1708 und das Ergebnis war: die Sachertorte kam auf die Insel!-----????---- Natürlich nicht?! Es wäre möglich gewesen: lt. Wikipedia „Vorläufer der Sachertorte finden sich bereits im 18. Jahrhundert, etwa in Conrad Haggers Kochbuch (1718) oder in Gartler-Hickmanns „Wienerischem bewährtem Kochbuch“ (1749). Nun, die Österreicher waren nun die Chefs und spätestens jetzt kam also die Deutsche Sprache auf die Insel. Ok, was man so Deutsch nennt :D :mrgreen: ;) . Ja und wenn nicht schon geschehen, so kamen also auch aus dem deutschsprachigen Raum jetzt Gene nach Sardinien. Oder verließen Sardische Gene Sardinien Richtung Mitteleuropa.

Die Spanier waren sauer in Form Kardinal Alberoni, der 1717 nun Sardinien wiederbesetzte. 1718 wurde das beendet (so geht es ja nun auch nicht) und in London wurde geregelt, die Herzöge von Savoyen bekamen das sagen und sie führten Italienisch als Amtssprache ein. 1799 war es Napoleon, der die Herzöge dazu brachte 15 Jahre in Cagliari zu leben. Waren bestimmt nicht die schlechtesten.
1847 verzichteten die Sarden freiwillig auf die staatliche Unabhängigkeit und vereinten sich mit dem Piemont, um ein gemeinsames Parlament, eine gemeinsame Gerichtsbarkeit und eine einzige, gemeinsame Regierung in Turin zu bilden. Das vereinigte Königreich Sardinien wurde mit der „summa potestas“, d.h. mit der Befugnis internationale Abkommen zu schließen, vollendet.

1848 begannen die italienischen Unabhängigkeitskriege, die dreizehn Jahre von den Königen Sardiniens geführt wurden und zur politischen Einheit Italiens führen sollten. Am 17. Mai 1861 änderte das Königreich von Sardinien seinen Namen in Königreich von Italien. Sarden gründeten Italien!
1946 entstand durch Volksabstimmung die Republik Italien. Natürlich mit Sardinien. Seit 1948 besitzt die Region einen Autonomiestatus und verwaltet sich selbst.
Zusammengefasst:

Sardinien hatte nicht Ureinwohner, sondern Besucher, die es für lohnenswert hielten auf Sardinien zu leben. Diese Besucher kamen aus allen Himmelsrichtungen der Erde und so entstand etwas Neues, weitsichtiges, zurückhaltendes (erst mal schauen was da kommt), den Konsens suchend, die Ruhe „weghaben“, mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, herzliches. Dabei wurden diese Menschen oft enttäuscht und natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel.
Sardinien lebte nicht am Rand des Geschehens, sondern mitten drin. Dabei haben sie es geschafft Ihre Wertvorstellungen den Möglichkeiten entsprechend zu erhalten. Nicht umsonst findet man in vielen Gemeinden heute auf Sardinien drei Flaggen nebeneinander aufgestellt. Die Sardische, die Italienische und die Europäische. Um das Sardische zu erhalten benötigt man sicherlich das Italienische und Europäische.

Dabei ist ein kommen und gehen, ein großer Austausch selbstverständlich. Jeder der auf der Insel lebt/wohnt, jeder Besucher hinterlässt Spuren und verändert somit. Der eine viel, der andere halt nur ein bisschen. Darauf kommt es aber nicht an, auf das einzelne. Das Ganze ist den Sarden wichtig. Das sollte jedem von uns bewusst sein, wenn wir über „die Sarden“ reden.
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Wäre noch was zu den "Genen" zu schreiben.
Letztendlich trafen sich aus ganz Europa Menschen auf Sardinien und pflegten den Austausch allem Möglichen. Es ist also gut möglich (natürlich "nur" eine Behauptung), dass jeder von uns, der die Liebe zur Insel entdeckt hat, ein - oder gleich mehrere - typische Gene der Sarden in sich trägt und deshalb so vernarrt und verliebt in die Insel ist. Sehnsucht bekommt, wenn er von Sardinien hört und liest, usw.
Natürlich könnte man nun eine Genuntersuchung an sich durchführen lassen. Aber lohnt sich das? Ich glaube nicht - besser man glaubt es einfach und hat so eine schöne Begründung warum man doch immer wieder Sardinien besuchen muss. So ein bissel: "muss doch schauen ob zu Hause alles in Ordnung ist". Das Geld, was man für die Genuntersuchung hätte ausgegeben, das kann man nun für den Besuch auf der Insel viel besser nutzen!

Tja, und so trafen wir am Abreisetag einen Schweizer, der aber schon lange auf Sardinien lebt und seinen Freund, „Vater Filice“ besuchte. Er erzählte uns wie fleißig und emsig das ganze hier Padre Filice hat aufgebaut. Und so fragte ich „Padre Filice“, „wo bist Du geboren?“ Und seine Antwort: in Kalabrien….

Euch allen viele schöne Erlebnisse auf der Insel Sardinien! Eckart
.....einfach schön der Westen! http://www.arbus.it :mrgreen:

Allen einen schönen Tag wünscht
Con Piacere - Eckart Schuster -
Meine Muttersprache ist deutsch - ich bin Europäer! :D

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